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Feelgood Management: Unnützer Trend oder sinnvolle Ergänzung?

Ich muss schon zugeben: Als ich das erste Mal vom Feelgood Manager gehört habe, musste ich schmunzeln. In meinem Kopf tauchte eine zum Dauerlächeln verdammte Frau auf, die fröhlich zwitschernd „Guten Morgen“ trällert, Äpfel und Kaffee an den Arbeitsplatz bringt und bei Verspannungen oder Rückenschmerzen Massagen anbietet. Ich habe mich gefragt, ob es sich dabei um ein unnützes neues Geschäftsmodell handelt (vermutlich wird es nicht mehr lang dauern, bis Ausbildungsinstitute Feelgood Manager ausbilden und zertifizieren lassen) oder eine sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Angeboten.
Eine neue Generation mit neuen Ansprüchen in einer sich verändernden Gesellschaft

Noch sind die Jobs für Wohlfühlmanager oder Herzlichkeitsbeauftragte, wie ein bayrisches Hotel diesen Posten nennt, rar. Die meisten von ihnen gibt es in der IT- oder Kreativbranche. Oft bei jungen Unternehmen oder Start Ups. Man könnte sagen, die haben schon begriffen, dass die Angehörigen der Generation Y, um deren Gunst sie buhlen, andere Ansprüche an ihre Jobs stellen. Die wollen selbstbestimmt und flexibel arbeiten. Arbeit ist für sie nur das halbe Leben, Familie und Karriere sollten vereinbar, die Arbeitsatmosphäre am Arbeitsplatz und der Umgang miteinander von Werten und Respekt geprägt sein. Dann zeigen sie sich hochloyal. Wenn sie ihre Erwartungen nicht erfüllt sehen, ziehen sie weiter. Ihre Vorstellungen vom anders leben, anders arbeiten und anders sein finden Eingang in die Unternehmen, weil sie gebraucht werden. Das Damoklesschwert des demografischen Wandels und des mancherorts bereits spürbaren Fachkräftemangels schwebt über vielen Betrieben. Die Jungen sind, auch wenn man sich an die von ihnen gestellten Bedingungen noch gewöhnen muss, heiß begehrt.

Da liegt die Idee eines Feelgood Managers doch auf der Hand. Dessen Hauptaufgabe besteht darin, sich um das Wohlbefinden der Mitarbeiter am Arbeitsplatz zu kümmern, die gute Stimmung und eine positive Arbeitsatmosphäre aufrechtzuerhalten. Feelgood Manager sehen sich als zentrale Ansprechpartner in Sachen Unternehmenskultur. Ihre Aufgaben sind breit gefächert: sie kaufen Obst ein, organisieren gemeinsame Events (Kochen, Spieleabende oder aber ein Network-Lunch) und Ausflüge (vom Skifahren und Wasserwandern hin zum Sommer- oder Weihnachtsfest), begleiten neue Mitarbeiter bei ihrem Onboarding-Prozess oder schaffen Treffpunkte in gemütlichen Lounge-Ecken. Wer Probleme hat, kann sich vertrauensvoll an den Feelgood Manager wenden, der im Zweifel mal mehr als Konfliktlöser, mal mehr als Seelsorger auftritt. Alles Aufgaben, die es in irgendeiner Weise in den meisten Unternehmen bereits gibt, denn der Wohlfühlmanager vereint Aufgaben aus Assistenz, Eventmanagement, Gesundheitsmanagement, interner Kommunikation, Sozialberatung und Personalabteilung.

Chancen und Risiken für Unternehmen

Die Botschaft, die mit einer solchen Stelle verbunden ist, ist grundsätzlich eine richtige und bedeutsame: „Ihr seid uns wichtig, wir kümmern uns um Euch.“. Mit der Stelle rückt das langfristige Wohlbefinden stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit. Das kann gut gehen. Es kann ein wichtiger Schritt sein, um die psychische Gesundheit und das seelische Wohlbefinden von Beschäftigten im Betrieb zum Thema zu machen, und diese Themen strukturell im Unternehmen zu verankern. Für mehr Mitarbeiterbindung, Arbeitszufriedenheit und damit letztlich auch Produktivität.

Es kann aber auch nach hinten losgehen. Blinder Aktionismus mit Bespaßungs- und Eventmanagement führt nicht allzu weit, vor allem nicht zu der gewünschten wertschätzenden Unternehmenskultur. Wer einen Wohlfühlmanager einstellt, ihm ein paar Euro Budget zur Verfügung stellt und diesen losschickt nach dem Motto: „Jetzt mach uns mal die Leute happy“, wird vermutlich scheitern. Niklas LuhmannLuhmann, N. (2000). Organisation und Entscheidung. Opladen: Westdeutscher Verlag bezeichnet die Organisationskultur als „unentscheidbare Prämisse“. Eine Kultur wird nicht allein durch die Ansage des Topmanagements verändert, und auch nicht durch das Einstellen eines Feelgood Managers. Sie entwickelt sich über Jahre durch ein bestimmtes verändertes Verhalten der Führungskräfte. Wenn die ihre Führungsaufgaben an den Feelgood Manager delegieren oder wenn sie in ihrem Alltag kaum Zeit haben (bzw. sich nehmen), um mitarbeiterorientiert zu führen (also z.B. durch regelmäßige Kommunikation mit ihren Beschäftigten herausfinden, was deren Bedürfnisse und Ziele sind und ihre Mitarbeiter bei deren Befriedigung unterstützen), dann kommt ein Feelgood Manager auch nicht weit. Hier braucht es gezielte und planvolle Führungskräfteentwicklungskonzepte, die Führungskräfte in ihrer Rolle ansprechen und in die Pflicht nehmen. In meiner Praxis erlebe ich regelmäßig Führungskräfte, die sich angesichts eigener Überforderung im dichten Arbeitsalltag ohnmächtig fühlen und fragen, wie sie das machen sollen mit der psychosozialen Gesundheit und Motivation ihrer Beschäftigten. Sie brauchen vor allem Know how, Reflexionsmöglichkeiten und Handlungskompetenzen für ihren Führungsalltag.

Je nachdem, wie der Feelgood Manager wahrgenommen wird, werden die wirklich wichtigen Themen vielleicht auch gar nicht angesprochen: Wer spricht schon mit dem Wohlfühlmanager über die mangelnde Information und Kommunikation des Chefs, über schlaflose Nächte und Überlastung, wenn der als Abgesandter der Personalabteilung oder der Geschäftsleitung wahrgenommen wird? Dafür braucht es unabhängige Anlaufstellen. Und selbst wenn das Verhältnis so gut ist, dass Beschäftigte oder Führungskräfte ihre Nöte anvertrauen, dann stellt sich die Frage, ob der Feelgood Manager mit der Power ausgestattet ist, um notwendige strukturelle Veränderungen zu initiieren.

Sollte das der Fall sein, und der Feelgood Manager zudem nicht nur ein guter Entertainer und Organisator, sondern auch geschult (z.B. in arbeits- und organisationspsychologischen Belangen), dann kann eine solche Stelle das Unternehmen dabei unterstützen, arbeitsbedingte Belastungen zu erkennen und abzubauen, und gesundheitsfördernde Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Ob das dann Feelgood Management oder Betriebliche Gesundheitsförderung oder noch ganz anders heißt, das bleibt Ihnen überlassen.

Was ist Ihre Meinung zum Feelgood Management? Haben Sie vielleicht sogar schon Erfahrungen damit gesammelt? Ich freue mich über Ihre Kommentare.